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Yogasteno für Yogatherapie in Form von Strichfiguren mit Notizen zur Atem- und Bewegungsführung

Yogatherapie – ein echtes therapeutisches Verfahren?

Aktualisiert: 19. Juli 2022

Yoga ist en vogue. Wurde Ende des letzten Jahrhunderts Yoga im Westen selbst in Kreisen der Yogapioniere noch als ein Übungssystem aus Körper– und Atemübungen verstanden und Meditation aus anderen Weisheitssystemen wie dem Buddhismus hinzugeholt, ist Yoga heute als ganzheitliches Übungssystem weitestgehend etabliert. Vom sportlichen Ansatz in weiten Bereichen des Mainstreams, über Businessyoga bis hin zum vollumfänglichen Verständnis: Yoga ist Meditation – in Bewegung, im Sitzen in der Stille bis hin zur bewussten Gestaltung des Umgangs mit sich, mit anderen und der Umwelt. Yoga ist ein ganzheitlicher Übungsweg. Und schon steigt ein „neuer“ Stern am Horizont des Yogafirmaments empor: Yogatherapie.  Und damit die Frage: Yogatherapie – ein echtes therapeutisches Verfahren? Doch der Reihe nach.

Was ist Therapie und was nicht?

Eine Therapie bezeichnet im weitesten Sinne Handlungen, die Verletzungen, Krankheiten oder Einschränkungen behandeln, um diese positiv zu beeinflussen. Hierzu zählen sowohl körperliche als auch psychische Themen. Dabei geht es entweder um Heilung im Sinne von Beheben der Ursachen oder um Linderung der Symptome zur Wiedererlangung des körperlichen und/oder psychischen Gleichgewichts. Zu einer Therapie gehören Diagnose, ein realistisches Ziel und geeignete Methoden, um dieses Ziel in einem überschaubaren Zeitfenster zu erreichen. Ohne Diagnose ist in Deutschland rechtlich keine „echte“ Therapie möglich. Das Erstellen einer Diagnose ist in Deutschland den Heilberufen mit diagnostischer Kompetenz vorbehalten. Der Begriff Therapie an sich ist wiederum nicht rechtlich geschützt.

Ein individualisiertes Üben mit Menschen im Gruppensetting oder im Einzelunterricht des Yoga macht noch keine Therapie. Auch ein Hinzuholen von etablierten Therapieformen und die Verflechtung derer mit Yoga macht aus Yoga noch keine Yogatherapie. Müssen sich die oben erwähnten Irritationen im Verständnis von Yoga aus dem letzten Jahrhundert nun im Verständnis der Yogatherapie noch einmal wiederholen – muss scheinbar wieder etwas von außen hinzugeholt werden, um ein vollwertiges Therapieverfahren zu ermöglichen? Oder ist Yogatherapie von ihrem Ansatz her schon ganzheitlich angelegt?

Was ist Yogatherapie?

Bei entsprechender Lesart lassen sich die Anfänge der Yogatherapie bereits in den Grundlagentexten finden: Der Yoga des sich Einordnens in der Welt in den Upanishaden, der Yoga des Handelns in der Bhagavadgita, der Yoga der Psychologie im Yogasutra und der Yoga der Gesunderhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit in der Hatha-Yoga-Pradipika. In die Gegenwart übersetzt heißt dies: Yogatherapie hat das Potenzial zu einem eigenständigen, vollwertigen therapeutischen Verfahren, vorausgesetzt, die diagnostische Kompetenz ist vorhanden oder wird durch interdisziplinäre Interaktion gewährleistet. Dieses Potenzial, die Voraussetzungen für eine seriöse yogatherapeutische Arbeit und die notwendige Bereitschaft zur interdisziplinären Zusammenarbeit müssen hierzu jedoch genauer betrachtet werden.

Potenzial der Yogatherapie

Über viele Jahrhunderte entwickelte Yoga als Weisheitslehre und Übungsweg in Form einer praktisch anwendbaren Philosophie ein eigenständiges ganzheitliches Menschenbild. Entsprechend der Komplexität des menschlichen Systems ist Yoga in seiner vollumfänglichen Form notwendigerweise ebenso komplex, um den Menschen in seinem Wesen und seinen Funktionen als lebendigen Organismus zu erfassen und abzubilden. Die Wechselwirkungen im System Mensch und seine Kompensationsfähigkeit, über seine verschiedenen Anteile vom Körper, den Bereich des Atems und der Organe bis hin zum Geist und Gemüt, wurden bereits früh erkannt und in einem in sich schlüssigen System erfasst. Das Yogasutra von Patanjali (z. B. die Übersetzung von R. Sriram) sticht hier insofern hervor, da dieser Text als das erste Handbuch der menschlichen Psyche bezeichnet werden kann. Die Gesetzmäßigkeiten des Menschseins werden hier gut strukturiert und nachvollziehbar dargestellt. An diesen „Naturgesetzen“ des Menschseins hat sich seitdem in nahezu 2000 Jahren nichts verändert. Hier findet sich ein ganzer Kanon von Handlungsmöglichkeiten, um dem aus dem Gleichgewicht geratenen Menschen passende Angebote zu machen, damit dieser wieder in sein individuelles Gleichgewicht zurückfinden kann. Das meint keine Omnipotenz, aber eine generalistische Sicht- und Arbeitsweise. Als Zwischenfazit können wir feststellen: Yogatherapie – ein echtes therapeutisches Verfahren? Durchaus, aber mit welchen Methoden?

Methoden der Yogatherapie

Yogatherapeutische Arbeit erfordert einen sicheren Umgang mit den yogischen Methoden. Dieser resultiert in der Regel aus einer langjährigen Auseinandersetzung mit dem Thema Yoga und dem eigenen Üben und Unterrichten von anderen Menschen. Im seriösen Kontext kann eine yogatherapeutische Kompetenz dann in Verbindung mit einer mehrjährigen Ausbildung erworben werden. Teil einer solchen Ausbildung ist heute notwendigerweise ein umfängliches Verständnis humanmedizinischer Grundlagen. Bei Bedarf und/oder Indikation werden dann auch andere therapeutische Verfahren ergänzend oder unterstützend hinzugenommen. Aus der Notwendigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit hier eine für die Betroffenen stimmige Auswahl und Kombination mit passenden yogatherapeutischen Ansätzen zu treffen, erfordert einen Gesamtüberblick über die jeweilige Komplexität und ein tiefes Verständnis der jeweiligen Störung, denn die yogatherapeutischen Methoden sind vielfältig und umfassen unter anderem:

  • Körperübungen, dynamisch und statisch, in direkter Verbindung mit Atemführung
  • Atemübungen
  • Konzentration und Meditation
  • Alltagsgestaltung und Lebensführung
  • Bewusstsein für die Umwelt
  • Ernährung
  • Übungen für die Stimme und Sprache
  • Gesten (mudras)
  • Stimmungen (bhavanas)
  • Selbststudium / Ich-Gefühl / Vernunft / Biografie
  • Textstudium / Quelltexte
  • Erschließen der Zusammenhänge von Symptomen, Ursachen, Zielen und geeigneten Mitteln.

Eine in der Yogatherapie aus diesen Methoden entwickelte Yogapraxis kann dementsprechend notwendige schulmedizinische und alternativmedizinische Behandlungen unterstützen, aber nicht ersetzen. Mögliche Anwendungsbereiche der Yogatherapie reichen dabei von chronischen Rückenschmerzen über emotionale Dysbalancen bis hin zu Orientierungsfragen in der Lebensgestaltung. Bei entsprechender Qualifikation und Erfahrung hat dieser Ansatz somit durchaus Potenzial. Zurück zur Eingangsfrage: Yogatherapie – ein echtes therapeutisches Verfahren? Die Antwort lautet: Ja.

Jürgen Slisch, Gelnhausen, 18.07.2022.

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