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Bhagavadgita – die Ethik unseres Handelns

Bildquelle: King’s Collection/Shutterstock.com

In Teil 2 unserer Blog-Serie zu wichtigen Grundlagentexten des Yoga schauen wir uns die Bhagavadgita genauer an, nachdem wir im ersten Teil die Upanishaden thematisiert hatten.

Die Bhagavadgita ist Teil des großen indischen Epos Mahabharata. Bhagavad bedeutet der Erhabene – hiermit ist Krishna gemeint – und gita bedeutet Gesang. In Versen aufgebaut, werden dem Leser im Dialog der beiden Protagonisten Krishna und Arjuna die Bedeutung von pflichtgemäßem Handeln (karman), Wissen (jnana) als Grundlage für richtiges Handeln und Hingabe (bhakti) vermittelt – dem dreifachen Weg des Yoga.

Schilderung eines Dilemmas

Die Rahmenhandlung, in der sich Krishna und Arjuna befinden, ist ein Krieg zwischen zwei Königsfamilien. Dabei sieht sich Arjuna als Thronfolger und bester Bogenschütze im Land gezwungen, Krieg gegen einen Teil seiner eigenen Familie zu führen, um das Königreich und seine Bewohner vor weiterem Leid zu bewahren. Dies wird notwendig, nachdem zahlreiche diplomatische Bemühungen gescheitert sind. Sein Cousin und Berater in diesem Dilemma ist Krishna. Krishna erinnert Arjuna an die temporäre Notwendigkeit, seiner Verantwortung gegenüber dem Königreich zu folgen, um dessen Bewohner vor dem Untergang zu bewahren.

Historischer Hintergrund der Bhagavadgita

Aufgrund dieser Rahmenhandlung kann die Bhagavadgita auch als kriegsverherrlichend interpretiert werden, was den Fokus jedoch unverhältnismäßig stark auf die Rahmenhandlung lenkt. Die Rahmenhandlung ist ein Krieg und Krishna ermutigt Arjuna diesen Krieg zu führen, aber es hätte auch ein anderes klassisches Dilemma gewählt werden können, um diese Situation darzustellen. Zudem gehen Arjunas Entscheidung zahlreiche gescheiterte Verhandlungsversuche voraus.

Warum letzten Endes gerade eine Kriegshandlung gewählt wurde, könnte im historischen Kontext begründet sein – die Bhagavadgita ist circa 2.500 Jahre alt. Lenkt man den Fokus von der Rahmenhandlung weg, so geht es in der Bhagavadgita vor allem um die Handlungsoptionen in einem Dilemma – unter Berücksichtigung von karman, jnana und bhakti. Diese philosophische Lesart des Textes ist im Folgenden der Schwerpunkt unseres Blog-Beitrages.

Die Bedeutung selbstlosen Handelns

Die Bhagavadgita vermittelt im Gespräch zwischen Arjuna und Krishna in 18 Kapiteln (als Gesänge bezeichnet) die Grundsätze ethischen Handelns. Demnach sollte eine Handlung (karman) selbstlos sein, das heißt die Tat sollte um der Tat selbst willen ausgeführt werden und nicht aufgrund eines zu erwartenden Ergebnisses oder Lohnes. Das bedeutet nicht, dass uns das Ergebnis einer Tat egal sein sollte, aber das Ergebnis sollte nicht der (alleinige) Antrieb für die Tat sein. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft mag solch ein selbstloses Handeln schon fast fremd anmuten.

Leben ohne Handeln ist nicht möglich

In Klaus Mylius‘ Übersetzung „Die Bhagavadgita“ heißt es im dritten Gesang, Vers 4: „Nicht durch das Nichtausführen von Taten erlangt der Mensch Tatenfreiheit, … .“ [1] Das Potential des fehlerhaften Handelns wohnt demnach nicht allein dem Handeln inne, sondern auch dem Nicht-Handeln. Deshalb ist Wissen (jnana) wichtig, um angemessen handeln zu können.

Leben ohne Handeln ist nicht möglich. Die innere Haltung beim Handeln ist entscheidend. Allein „äußeres“ Nicht-Handeln führt nicht zur Befreiung – im Yogakontext heißt das beispielsweise, ein Ruhighalten des Körpers allein ist noch keine Meditation. Andererseits kann ein handelnder Mensch von einem ruhigen Geist erfüllt sein, wenn er ohne Anhaftung handelt. Handeln ohne Anhaftung als Dienst an der Gemeinschaft ist bhakti. Selbstlosigkeit und Hingabe sind aber nur möglich, wenn wir uns ein Stück weit zurücknehmen. Hiermit ist jedoch keineswegs der Weg von Passivität oder gar Resignation gemeint.

Ein klarer Geist als Basis für stimmiges Handeln

Das in der Bhagavadgita vermittelte Wissen ist zeitlos. Um ethisch korrekt handeln zu können und passende Entscheidungen zu treffen, wird ein klarer Geist benötigt. Hierzu thematisiert die Bhagavadgita die Meditation und ihre Bedeutung für ein stimmiges Handeln. Nur aus einem klaren und gesammelten Geist heraus kann eine angemessene Handlung entstehen. Entsprechend warnt Krishna Arjuna im zweiten Gesang, Vers 67, vor den Folgen eines unruhigen Geistes: „Denn richtet sich der Geist auf die umherschweifenden Sinne, reißen diese ihm seine Einsicht weg wie der Wind das Schiff im Meer.“ [1]

Krishnas Botschaft: Das Gute überwiegt in der Dualität der Welt

Krishna unterweist Arjuna nicht nur in den Grundsätzen pflichtgemäßen Handelns, des Wissens, in Hingabe und Meditation. Auf Arjunas Bitten hin gewährt er ihm auch Einsicht in das Wesen der Welt. Hierbei wird die Dualität der Welt, in Form von bekannten Gegensatzpaaren wie Gut und Böse, Licht und Schatten, Hell und Dunkel – mit allen Schattierungen dazwischen – für Arjuna sichtbar. Die Erkenntnis, dass auch nicht wünschenswerte und verstörende Aspekte Teil dieser dualen Welt sind, überfordert Arjuna.

Nach diesen dramatischen Eindrücken über die Natur der Welt, vermittelt Krishna Arjuna die Gewissheit, dass das Gute dennoch überwiegt. Insgesamt betrachtet gelingt es der Bhagavadgita verschiedene Aspekte des Handelns, der Hingabe, des Wissens, aber auch der Meditation und des Yoga in einer poetischen Sprache zu vermitteln. Die verschiedenen Aspekte werden mehrfach auf unterschiedliche Art und Weise angesprochen, um verschiedene Menschen zu erreichen.

Handlungsmöglichkeiten im Dialog erschließen

Die dabei gewählte Form des Dialogs unterstreicht die Notwendigkeit, sich mit den verschiedensten Problemstellungen nicht allein, sondern gemeinsam auseinanderzusetzen. Der Dialog wird so zur besonders geeigneten Form der Weiterentwicklung des Individuums. Yogaseminare und die Yogalehrausbildung bieten uns einen solchen Rahmen, denn die Bhagavadgita erschließt sich nur durch die wiederholte Auseinandersetzung mit dem Text.

Ein weiterer Text, auf den dies zutrifft, ist das Yogasutra, dem wir uns im nächsten Blog-Beitrag widmen. Das Yogasutra enthält eine sehr differenzierte Betrachtung unseres Geistes und vermittelt zentrale Aspekte des Yogaweges.

Melanie Klingler und Jürgen Slisch, Gelnhausen, 02.05.2022.


Quelle aller im Text verwendeten wörtlichen Zitate:

[1] Klaus Mylius: Die Bhagavadgita. München: Deutscher Taschenbuchverlag, 1997.

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