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Aktualisiert: 9. Dezember 2022

Nach den ersten drei Blog-Beiträgen über die Lebensphasen Yoga in der Schwangerschaft, Yoga für Kinder und Jugendliche und Yoga in der Lebensmitte geht es im vierten und letzten Blog-Beitrag dieser  Beitragsreihe um „Yoga im hinteren Lebensabschnitt“ oder „Yoga im Alter“. So sperrig wie die erste Formulierung, so unelegant oder unerwünscht scheint die Zweite. Wer möchte sich schon im hinteren Lebensabschnitt sehen oder gar im Alter? Beides sind heute, zumindest in vermeintlich modernen Kulturen, Bezeichnungen mit nicht unerheblichem Irritations- oder Verdrängungspotential, stellvertretend für eine selbstverständliche und würdige Identifikation mit dieser Lebensphase. Gehören doch in den verschiedenen Weisheitslehren, wie auch im Yoga, Alter und Tod so selbstverständlich zum Leben wie Geburt und Jugend.

Die Reife des Menschen

Mal anders betrachtet: Yoga für Best-Ager, Silver- oder Golden-Ager, 50plus, 60plus oder Yoga für Senioren, wer findet sich ehrlich gesagt in diesen Bezeichnungen wieder, wer fühlt sich hier wirklich angesprochen oder gar zugehörig? Allenfalls mit über 70 vielleicht durch die Bezeichnung 50plus, und hierdurch dann eher geschmeichelt, ist das heutige 70 doch das 50 von damals. Tatsächlich sind heute viele Menschen im höheren Alter körperlich und geistig fitter als in den Generationen davor. Viele Menschen werden heute, bei entsprechender Versorgungslage, deutlich älter als noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Wer heute geboren wird, hat die allerbesten Chancen ein Alter von 100 Jahren zu erreichen. Das ist durchaus erfreulich, und entspricht zudem der alten yogaphilosophischen Idee, das Leben so zu gestalten, dass ein hohes Alter erreicht werden kann. 100 Jahre Zeit zum Reifen sind aus yogischer Sicht eine erstrebenswerte Lebenszeit – aus dem einfachen Grund, viel Lebenserfahrung sammeln zu können für ein erfülltes Leben.

Was hat es mit dem Alter auf sich?

Nur bedeutet ein hohes Alter nicht automatisch auch eine hohe Lebensqualität im Sinne von Zufriedenheit und Glücklichsein. Wenn der Körper oder/und der Geist beginnen durch Einschränkungen – hervorgerufen durch den Alterungsprozess – in Form von Beschwerden oder Krankheiten ihre bis dahin gewohnte Funktionsweise zu verändern, kann diese Lebensphase schnell zur einer ganz neuen Herausforderung werden. Umso mehr, wenn durch die oben erwähnten Bezeichnungen für diese Lebensphase suggeriert wird, gesellschaftlichen Erwartungen oder Normen entsprechen zu müssen. Nach einem arbeitsreichen Leben rutschen nicht wenige dann schnell aus der „In-Group“ in die „Out-Group“. Das Nicht-mehr-dazugehören-können kann dadurch zum größeren Problem werden als der Alterungsprozess mit seinen Begleiterscheinungen an sich.

Wertschätzung, Respekt und Würde

Wird der Fokus dagegen auf die Lebenserfahrung des Menschen an sich gelegt, wird dem Menschen mit Wertschätzung und Respekt begegnet, anstelle von eigenen oder gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, eröffnen sich für beide Seiten auch neue Möglichkeiten. Das Alter ist im positiven Sinn die Lebensphase, in der vorsätzlich, also ganz bewusst damit begonnen werden soll, schrittweise Verantwortung abzugeben. Im Idealfall nicht erst, wenn es nicht mehr anders geht. Sondern aus freier Entscheidung und deutlich bevor es nicht mehr geht, um mehr Zeit zu haben für sich selbst und die natürlichen inneren Prozesse dieses Lebensabschnittes. Weitsicht, Gelassenheit und Gleichmut sind die natürlichen Qualitäten dieser Lebensphase, als Grundlage sowohl für die eigene als auch die von außen entgegengebrachte Haltung der Würde. Ablenkung, Verdrängung oder Weglaufen sind hier keine echten Alternativen.

Alter und Gesundheit

So gesehen können Veränderungen dann selbstverständlicher betrachtet und oftmals auch besser angenommen werden. Zufriedenheit und Glücklichsein entspringen aus einer inneren Haltung. Beide Qualitäten können erlernt bzw. eingeübt werden. Wird dieses Einüben abgerundet durch einen angemessenen, meint selbstverständlichen gesellschaftlichen Respekt gegenüber den über Dekaden gereiften Menschen, dann wären die oben angeführten Trend- oder Marketingbegriffe entlarvt und schlichtweg überflüssig. „Forever young“ ist im yogischen Sinn keine allgemeingültige Idee für irgendeine Vorstellung von „Gesundheit“, sondern eine erstrebenswerte innere Einstellung in Form einer offenen Geistes- oder besser Gemütshaltung.

Yoga: Pranayama und Meditation stehen im Fokus

Sich dem Thema Alter stellen, bedeutet für das Üben von Yoga sich Zeit zu nehmen für ausreichend leichte körperliche Aktivitäten, in Form von einfachen asanas über ausgedehnte Spaziergänge bis hin zu Pilgerreisen, um in Bewegung zu bleiben. Wobei pranayama nun den deutlich größeren Anteil des Übens ausmachen sollte. War das Üben mit dem Körper und dem Atem in der Lebensmitte noch als Hinführung zur Meditation angelegt, wird Meditation nun zum Hauptfokus des Übens. Raum für Sinnfragen des Lebens und Spiritualität stehen nun im Vordergrund. Erfüllung kommt vor Erleuchtung und in der Meditation weißes Licht zu sehen, ist nicht das Ziel, sondern gemäß dem Yogasutra allenfalls eine Durchgangsstation in Form eines Konstruktes unserer Vorstellungskraft vikalpa mit hohem Ablenkungs- oder Identifikationspotential (durch die modernen Neurowissenschaften belegt).

Befreiung und Freiheit

Wenn wir auch solche Vorstellungen von Meditation nicht mehr erfüllen müssen, haben wir die Möglichkeit ganz bei uns anzukommen und mit uns und den anderen zu sein. Vielleicht ist das einer der wahren Werte des Alters und eine Möglichkeit, Befreiung von den unterschiedlichsten Dingen als innere Erfüllung noch zu Lebezeiten zu erfahren: Als Vorbereitung für den Übergang oder den Abschied. Mit der Freiheit, für den einzelnen Menschen, es so zu betrachten, wie er es für sich betrachten möchte.

Jürgen Slisch, Gelnhausen, 05.12.2022.

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